Kitsch sabotiert die soziale Plastik

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Die Gefahren waren zur Zeit des Gebrauchs des Fröhlichsturmes wie auch heute nicht immer offensichtlich. Heute sind es vorwiegend Formen geistiger Influenza, die uns bedrohen.

 

Eine dieser Beeinträchtigungen ist eine Art geistiger Karies mit dem Namen Kitsch.
In Würdignung des erweiterten Kunstbegriffes von Josef Beuys und der Bedeutung seiner „sozialen Plastik“ erweitere ich den Kitschbegriff, um der sozialen Dimension des Kitsches näher zu kommen.
Das vorgenannte Krankeitsbild zeigt im Hintergrund Symptome, Erreger und Nachwirkungen, die näher zu betrachten sind.

Die Symptome des Kitsches sind sowohl seine Erscheinung als auch die Reaktionen der vom Kitsch Betroffenen.

Die äussere Erscheinung zeichnet sich durch eine maximale Verkürzung und Stereotypisierung von Darstellungen aus. Dazu werden ausserdem besondere Reizmuster verwendet, die aus dem Repertoire der unterschwelligen, unbewussten Wahrnehmung kommen.
Diese besonderen Ausdrucksformen verwenden unter anderem etwas, das aus der Psychologie als „Kindchenschema“ bekannt ist:
hohe Stirn eines Gesichts, dicke Pausbacken, Kulleraugen, Patschhändchen und hoher Oberkörper etc.
Neben diesem Kindchenschema dienen alle möglichen Reflexauslöser dazu, unreflektierte Gefühle auszulösen bis hin zu sexuellen Befrachtungen von Abbildungen.

Diese bildsprachlichen Verpackungen lassen den Inhalt der Mitteilung verschwinden und machen die Verpackung selbst zum Inhalt.

Damit beginnt der innere oder Reaktionsbereich
des Kitsches. Die Sprachform löst Gefühle aus, die als eigene Erlebnisse erfahren werden, jedoch von aussen inszeniert sind. Pathos, Melodrama und Verniedlichung sind solche strategischen Muster.
Der Kitsch umfasst nicht nur Bereiche der bildenden Kunst, sondern alle Bereiche unseres täglichen Lebens.
Georg Hummel hat schon im 19. Jhdt. das Kindchenschema des Säuglingsgesichts und der Kleinkindproportionen benutzt, um den Beschützerinstinkt der Frauen zu wecken. Die Putten des späten Barock und des Rokoko bedienten den selben Reflex.

Dieser Trick zieht sich bis zu den Allradjeeps als Unterhaltungsautos. Sie zeigen stupsnäsige Kühlerhauben, breite überdimensionierte Reifen wie Kinderfüsse mit Babyspeck und sie haben Kulleraugenscheinwerfer und die Hände leihen wir ihnen und wir dirigieren sie durch den gefährlichen Dschungel des städtischen Unterholzes. Nebenbei können wir uns noch in einer Ritterrüstung verschanzen und sind schon mitten im lang ersehnten Kinderspiel.

Über dieser Fröhlichkeit vergessen wir völlig, wozu wir eigentlich unterwegs sind und was wir für diesen Spass bezahlen.
Damit sind wir unversehens aus der harmlosen Beachtung einer Äusserlichkeit in die Spirale der gedanklichen Stereotypen geraten. Äusserliche Klischees bedingen Reaktionen in Form innerer Kurzformen des Denkens.

Die zeitgenössischen Volksmusikanten, wie Kastelruther Spatzen oder Zillertaler Schürzenjäger, verwenden den älpelnden Musikanten als volkstümliche Typologie, die seit dem Ende des 19. Jhdts eingeführt ist. Dazu setzen sie mit Melodieteilen, die aus (historischen) volksmusikalischen Schlagern bekannt sind, das akustische Stereotyp der Niedlichkeit. Dies wird dann in Rhythmen gepackt, die zeitgenössisch wirken und stellen damit den Connex zum momentanen Alltag her. Die Texte erreichen einen Grad an Banalität und Verkürzung, dass sie schon kaum noch als Texte zu erkennen sind, sondern wie kleine Tasten auf der Gefühlsklaviatur spielen.

Damit öffnen sie die Lücke für die persönliche Projektion von Vorstellungen und Vorurteilen. So knapp und banal der Text ist, gibt er doch noch genug Impulse zusammen mit den Melodiefragmenten, um das Denken zu beschäftigen und gleichzeitig abzulenken. Der Kreis der Einengung des Denkens schliesst sich.

Als Fliessbandproduktion der Musikindustrie ist diese Art der Volksmusik ein Produkt eines mechanisierten Ablaufs, wie die meisten Kitschobjekte. Häufig evoziert ein rustikales Ornament eine originäre und persönliche Äusserung, um über das Vervielfältigte und Serielle hinweg zu täuschen.

Die vom visuellen Kitsch, oder sonstigen Kitschformen beeindruckten Menschen solidarisieren sich meist mit den kitschigen Szenarien und neigen zu heftigen Polarisierungen aufgrund ihrer durch die heftige Emotionalität, eingeschränkten Wahrnehmung.

Genau das ist die Methode, mit der Demagogen arbeiten. Es ist also auch kein Wunder, dass totalitäre Systeme in allen Zeiten den Kitsch brauchten, um ihre destruktiven Mechanismen in Gang zu setzen. Hitlers Blut und Boden, Stalins Soz. Realismus, Walt Disneys Parallelwelt, all das sind demagogische Strategien, die als Grundlage den Kitsch haben und zu Zerstörung der konstruktiven Menschlichkeit führen.

Die Erreger von Kitsch sind ausschliesslich Personen, die an Einfluss auf andere, aus persönlichen Gründen interessiert sind. Dies reicht vom einfachen Narzissmus über kommerzielle Gier bis zum Drang Macht auszuüben.

Die Nachwirkungen sind heftig emotionalisierte Gruppen, die Vorurteilen pflegen. Somit ist jenen, die Vorurteile liefern und Macht ausüben wollen der Weg bereitet.

Wenn die Emotionalität der Form den cognitiven Inhalt auffrisst und selbst in stereotypen Reizmustern erstarrt, also demagogische Dimensionen erreicht, so ist von der dramatischen Form des Kitsches zu sprechen